»Was schulden uns die Alten?« Isolierung, Responsibilisierung und (De-)Aktivierung in der Corona-Krise
Stefanie Graefe, Tine Haubner, Silke van Dyk
Abstract
Im Kontext der Corona-Pandemie werden grundlegende Fragen von Lebensqualität, Gemeinwohl, Verantwortung und individueller Freiheit neu verhandelt. Dabei lässt sich eine bemerkenswerte Ambivalenz beobachten: Insbesondere Ältere und alte Menschen gelten nicht nur als besonders schutzbedürftig, sie werden überdies zunehmend als Risikofaktor adressiert und im Rahmen von Aufforderungen zu eigenverantwortlicher sozialer (Selbst-)Isolierung in die Pflicht für das Gemeinwohl genommen. Vor diesem Hintergrund zielt der Beitrag in drei Schritten auf eine soziologische Kontextualisierung der coronabedingten Situation und Debatte: Analysiert werden Prozesse der Stereotypisierung und Diskriminierung des Alters, die Konstruktion von „Risikogruppen“ und altersspezifischen Vulnerabilitäten sowie die strukturellen Rahmenbedingungen der Versorgung und des Schutzes Älterer in der flexibel-kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft. Ziel des Beitrags ist es, zu zeigen, dass die Corona-Pandemie wie ein Brennglas wirkt, unter dem grundlegende Probleme des nichtpandemischen „Normalbetriebs“ der Gesellschaft sichtbar werden.