Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung
Stefanie Neumaier
Abstract
Kutscher, Nadia/Ley, Thomas/Seelmeyer, Udo/Siller, Friederike/Tillmann, Angela/Zorn, Isabel (Hrsg.) (2020). Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim: Beltz Juventa. 658 S., 39,95 €. In der Sozialen Arbeit ist die Digitalisierung längst kein Fremdwort mehr, jedoch blieb ein Überblick zu den aktuellen Diskursen bisweilen noch aus. Mit ihrem Handbuch zeichnen nun die Herausgeber*innen Nadia Kutscher, Thomas Ley, Udo Seelmeyer, Friederike Siller, Angela Tillmann und Isabel Zorn ein detailreiches Bild zu den Schnittstellen von Sozialer Arbeit und Digitalisierung. Dabei liegt dem im Open- Access zugänglichen Werk ein erweitertes Verständnis von Digitalität zugrunde, indem „die Etablierung soziotechnischer Arrangements und [ihre] Folgen“ (S. 10) mitgedacht werden. Ferner wird nicht nur der Ist-Zustand in der Digitalisierungslandschaft der Sozialen Arbeit aufgegriffen, sondern auch Perspektiven aufgezeigt. Hinzu kommt der hervorzuhebende Umstand, dass die Herausgeber*innen selbst auch zahlreiche Beiträge zum Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung als (Co-)Autor*innen beisteuern. Dabei verfolgen sie das Ziel, gesicherte Erkenntnisse zwischen im Zuge der Digitalisierung entstehenden Vorgängen und der Sozialen Arbeit zusammenzufassen, um einen Beitrag zur Verortung der Sozialen Arbeit im Kontext von Digitalisierungsprozessen zu leisten. Das Handbuch gliedert sich in sieben Teile: - Disziplinäre Perspektiven: Hervorzuheben ist, dass nicht nur ‚Soziale Arbeit‘ drauf steht, sondern auch drin steckt – und damit ein wichtiges Signal für die Anerkennung der Sozialarbeitswissenschaft als etablierte Disziplin gesendet wird. In vier theoretischen Beiträgen findet ein Aufbrechen des parallel verlaufenden, nebeneinanderher Denkens von Sozialer Arbeit und Digitalität statt. Gleichzeitig werden nicht nur die Perspektiven aus einer Bezugswissenschaft eingenommen, sondern auch stets aus Sicht der Sozialarbeitswissenschaft (mit-)argumentiert. - Gesellschaftliche Entwicklungen und Diskurse: In acht Aufsätzen wird zunächst ein Blick in bisherige und mögliche künftige Veränderungen in differente Lebenswelten geworfen, bevor höchstaktuelle, sozialpolitische Thematiken behandelt werden. - Digitalisierte Formen der Dienstleistungserbringung: Im dritten Teil halten neun Beiträge Einzug. Das Kapitel überzeugt im Aufbau durch einen rekapitulierenden, gegenwartsbezogenen und zukunftsorientierten Dreischritt. Dabei wird ein besonderer Blick darauf geworfen, wie sich sozialarbeiterisches Handeln in diesem Kontext durch digitalisierte Erweiterungen verändert und welche positiven bzw. negativen Konsequenzen damit einhergehen (können). Ferner wird diskutiert, welcher Mehrwert in analogen Formen der Dienstleistungserbringung in der Sozialen Arbeit steckt. Und auch eine Grundsatzdebatte, ob etablierte Konzepte wie die Sozialraumorientierung im Zuge der Digitalisierung restrukturiert werden müssten, gibt der Leserschaft interessante Denkanstöße. - Digitalisierung und Profession: Eine Metabetrachtung der sich entwickelnden Profession Soziale Arbeit wird im vierten Kapitel vorgenommen. Insgesamt fünf Aufsätze befassen sich mit Fragen nach den Handlungsmodalitäten, der Ausbildung von Sozialarbeitenden und den erforderlichen Kompetenzen für eine professionelle Praxis. Besonders hervorzuheben ist der für sich stehende Beitrag zu ethischen Fragen und der damit zugeschriebenen Relevanz. - Digitalisierung und Organisation: Die Organisation Sozialer Arbeit sowie organisierte Organisationen in der Sozialen Arbeit werden im fünften Kapitel anhand von sechs Beiträgen thematisiert. Das Kapitel scheint ganz im Zeichen des Wandels zu stehen, da allen Aufsätzen ein gewisser Aufbruch innewohnt. Ob sozialwirtschaftliche, bürokratische oder datenschutzrechtliche Umbrüche im Zuge von Digitalisierungsprozessen, um nur einige ausgewählte Beispiele zu nennen, aber auch, wie soziale Einrichtungen Social Media für sich nutzen können. Die Diversität der Beiträge garantiert vielversprechenden Lesestoff für ein breites Fachpublikum. - Digitalisierung in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit: Von der Wiege bis zur Bahre – diese Floskel beschreibt passend das umfangreichste Kapitel des Handbuchs. 15 Beiträge decken hierbei nicht nur verschiedenste Lebensalter ab, sondern liefern auch spannende Einblicke in Digitalisierungsprozesse von Berufsfeldern der Sozialen Arbeit, die von Zeit zu Zeit in Vergessenheit geraten, ohne dabei zentrale Handlungsfelder, wie den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, außer Acht zu lassen. - Forschung: Als abschließendes Kapitel fungiert dieser Bereich mit drei Perspektiven auf qualitative, quantitative und internationale Forschung zu Sozialer Arbeit und Digitalisierungsvorgängen. Hiermit wird sich der Frage angenommen, wie Forschungsdesigns an die zunehmend vermischten Online-Offline-Welten der Klientel angepasst werden können, um sich dem Gegenstand Sozialer Arbeit empirisch anzunähern. Die Herausgeber*innen stellen in ihren einleitenden Worten fest, dass ihr Handbuch aufgrund der schnelllebigen und vielfältigen Diskurse in diesem Feld nicht mehr als ein „erster konzeptioneller Versuch“ (S. 11) sein kann. Diese Umschreibung bildet in keiner Weise den Gehalt des Handbuches ab. Mit den unterschiedlichsten theoretischen und empirischen Perspektiven auf die Disziplin und Profession Soziale Arbeit im Kontext von Digitalisierungsprozessen wird ein impulsgebender und erkenntnisreicher Schritt für Wissenschaft und Praxis begangen. Der eigene Anspruch, ein breites Themenspektrum trotz subjektiver Priorisierungen durch die Herausgebenden abzudecken, ist als erfüllt zu betrachten. Lediglich das Kapitel der Forschung ist mit drei der insgesamt 50 Beiträge spärlich skizziert. Ein angemessener Umfang des Handbuchs, gepaart mit einem schlüssigen Gesamtaufbau des Inhalts, rahmen die Positionen einer Fülle der versiertesten Wissenschaftler*innen des Fachgebiets. Die Publikation Handbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung eignet sich hervorragend für Sozialarbeitende, die Ausschau nach einer Unterfütterung ihres praktischen Handelns in den Schnittstellen von Sozialer Arbeit und Digitalisierung halten. Außerdem bietet es Studierenden der Sozialen Arbeit und Bezugswissenschaften einen (ggfs. ersten) Einblick in das weitreichende Feld, aber auch erfahrenen Akademiker*innen kann die Lektüre nahegelegt werden. Mit ihrer Arbeit haben die Herausgeber*innen einen wirklich empfehlenswerten Anknüpfungspunkt für die verschiedensten Kontexte und Diskurse sowie eine umfassende Querschnittsanalyse geschaffen.